Eine diverse, digital-vernetzte Lerngemeinschaft, Joana Kompa

Es sollte diesen Oktober ein ‚ganz normales‘ Seminar werden. Ich würde als Seminarleiterin die Studierenden online begleiten, synchron wie asynchron, würde Foren moderieren und Studierende bei der Erstellung digitaler Artefakte unterstützen. Am Ende würden unsere Studierenden, wie geplant, ein ePortfolio abgegeben. Ich hätte mit gutem Grund behaupten können ein modernes State-of-the-Art Seminar angeboten zu haben. So weit, so gut. Aber dann kam alles anders als geplant.

Im Juli 2020 nahm Dr. Michael Drabe, ehemaliger Schulinspektor und Digitalisierungsexperte, mit mir Kontakt auf und fragte mich, ob wir auch Schulen in unserer digitales Professionalisierungsprogramm PB-380 einladen könnten. Sein Blog findet sich hier. Durch die Coronakrise suchen viele Schulen momentan händeringend nach Digitalkonzepten. Darüber hinaus gibt es nur spärliche Angebote zur Qualitätsentwicklung in der digitalen Bildung. Gefallen hatte ihm besonders, dass wir primär an der Qualitätsentwicklung in hochentwickelten hybriden Lernumgebungen arbeiten; uns daher weniger mit der Umstellung aus einer ‚Gutenberg-Kultur‘ beschäftigen.

Mein Empfinden war zudem, dass wir als Universitäten in dieser schwierigen Zeit eine besondere Verantwortung tragen. Schulen in der COVID-Krise zu unterstützen ist unsere Pflicht und meine Freude im öffentlichen Dienst. Zudem passte die Anfrage von Herrn Dr. Drabe perfekt in die Drittmittelprojekte, in denen ich arbeite. Das Projekt OLE+, gefördert vom BMBF, wurde schließlich ins Leben gerufen um biografieorientierte und phasenübergreifende Lehrerweiterbildung zu fördern. Im Projekt Innovation Plus, gefördert vom Land Niedersachsen, sollen neue innovative Lernformen entwickelt werden. Wären wir in einem modernen Märchen würde ich nun sagen: Gesagt, getan.

Was gibt es Innovativeres, als dass Lehramtsstudierende und berufserfahrene Schulteams gemeinsam studieren und kooperativ neue pädagogisch-informierte Digitalkonzepte für Schulen entwickeln? Was gibt es Einsichtsreicheres, als dass Theorie und Praxis zusammenfinden? Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als technikaffine junge Studierende mit berufserfahrenen Schulleitungen und Lehrkräften in einer gemischten Lerngemeinschaft zusammenzuführen. Dies wird im Wintersemester 20/ 21 der Fall sein.

Wir hatten uns für die Einladung kompletter Schulteams entschieden, die Schulleitungen wie Lehrkräfte miteinschließen um nach dem Seminar eine nachhaltige Strategieentwicklung zu fördern. Wie viele von all den Professionalisierungs-Angeboten werden tatsächlich in die Praxis umgesetzt? Folgerichtig hatte ich Herrn Dr. Drabe, der ehrenamtlich unsere Schulteams betreut, dankend an Bord der Medienfaktur genommen. In bewegten Zeiten entstehen neue Verbindungen. Warum auch nicht? Nicht nur Studierende lernen durch neue Erfahrungen.

Im September 2020 schrieb mich Frau Janett Kloß an, eine Diplompädagogin aus Berlin mit internationaler Erfahrung im Sprachunterricht und im online Tutoring. Auch sie interessierte sich für unser Programm. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine zusätzlichen sozialen Rollen eingeplant. Da Frau Kloß über einen bemerkenswerten internationalen Lebenslauf mit großer Erfahrung verfügt, unter anderem in der Förderung lernschwacher Schülerinnen und Schüler, bot ich ihr die Position als ehrenamtliche pädagogische Bildungsberaterin an.

Ich denke, wir sind niemals nur Teilnehmer sondern immer auch Teilgeber. Frau Kloß moderiert im kommenden Seminar ein pädagogisches Forum, in dem Studierende zusätzliche Beratung bei der Entwicklung pädagogischer Strategien in der Digitalisierung finden. Ein ePortfolio wird es als Prüfungsleistung immer noch geben, aber die Qualität der produzierten Lösungen wird nun durch den zusätzlichen Input aus Schul- und Lebenspraxis informiert.

Innovative digitale Räume: Es geht darum, soziale Interaktion zu fördern (Screenshot Joana S. Kompa)

Wir haben uns zu einer diversen, digital-vernetzten Lerngemeinschaft zusammengefunden. Zusammen, als ‚neues Team‘ werden wir zudem wöchentliche Videokonferenzen zur internen qualitativen Evaluierung und wöchentlichen Planung des Seminars organisieren. Anders als in der Position einer allein Dozierenden, genieße ich dieses Wintersemester den Luxus fachlich hochqualifizierten Peer-Feedbacks.

‚Sobald mehrere Lehrpersonen in einem sozialen Raum kooperieren, ändert sich die gesamte Lernkultur‘.

Natürlich ist dies alles ein großes Experiment. Ich hatte während meiner Zeit als Dozentin in Singapur, China und Thailand (1994–2017) sehr gute Erfahrungen mit Co-Teaching und Co-Assisting gemacht. Sobald mehrere Lehrpersonen in einem sozialen Raum kooperieren, ändert sich die gesamte Lernkultur. Durch die größere Distribution von Kommunikationsmöglichkeiten und Binnendifferenzierung durch neue soziale Akteure wird das Studium typischerweise lockerer, kommunikativer, kooperativer und motivierender als dies in ‚Standard-Seminaren‘ mit einer einzigen Lehrperson der Fall ist.


Ich möchte mich an dieser Stelle sehr herzlich und ausdrücklich bei Herrn Dr. Michael Drabe und Frau Janett Kloß bedanken, ohne deren Mitwirkung das Seminar in dieser neuen Form nicht stattfinden könnte. Zudem stellen wir in unserer Zusammenarbeit mit Schulen ein Stück Öffentlichkeit her – vielleicht sogar etwas mehr: die nachhaltige Entwicklung innovativer Räume in der öffentlichen Bildung. Dank geht auch an Alex Raupach, einem früheren studentischen Seminarteilnehmer und talentierten Informatiker, der uns dieses Semester als Systemadministrator für CANVAS unterstützt.

Ein kleiner Blick hinter die Kulissen: Die Gestaltung der wöchentlichen Lernaktivitäten und sozialer Interaktionen ist komplex, aufwendig und ist zugleich unendlich spannend (Screenshot aus der Sicht der Programmgestaltung)

Die luxuriöse digitale Lernumgebung, für die wir hart gekämpft und gearbeitet hatten, kommt als Bonus hinzu, denn ohne eine flüssig-digitale Lernumgebung ließe sich ein solch komplexes Vorhaben technisch kaum realisieren. Dr. Michael Viertel und ich bezeichnen die beschriebene Praxis mit dem Terminus ‚Social Making‘, d.h. es geht aus unserer Sicht in der Digitalisierung nicht primär um Tools oder Gadgets (Stichwort ‚Toolifizierung‚), sondern um die Gestaltung neuer, offener und inklusiver Sozialräume, die von digitalen Medien unterstützt werden. Einen solchen Schritt nach vorn wagen wir diesen Herbst. Davon werde ich in diesem Blog ausführlich berichten.

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