Die Vision einer besseren Zukunft für unsere Universitäten aus der Sicht zweier Studierenden

Von Benjamin (Nachhaltigkeitsökonomik) und Lukas (Sonderpädagogik), Carl von Ossietzky Universität

Utopie ist oft leider ein negativ konnotiertes Wort, da es mit naiven und unmöglich umsetzbaren Ideen assoziiert wird. Wir aber sind der Meinung, dass wir als Gesellschaft ohne eine utopische Idee von Zukunft kein Langzeitziel haben. Und dieses brauchen wir dringend um Schritt für Schritt auf erwünschte Zukunftsentwürfe hin arbeiten zu können. Daher möchten wir unsere Utopie einer zukünftigen Universität beschreiben, die wir während der Covid Krise skizzierten.

Die Utopie: Die harmonische Verbindung von Natur mit dem Digitalen

Stellt euch eine Universität vor. Ihr tretet auf den Campus. Vor dem Hauptgebäude liegt eine große Rasenfläche, über die sich einige Fußgängerwege erstrecken. Ihr seht auf der Fläche mehrere alte Bäume stehen, die im Sommer schatten spenden. Wir erblicken Student:innen in Kleingruppen, auf Bänken oder im Gras. Euch begegnet eine freudige und ausgelassene Stimmung. Nun treten wir in das Hauptgebäude und stehen in einer etwa vierstöckigen Halle. Viele Wände sind aus Glas, sodass die Halle freundlich erleuchtet ist. Die Natur ist in das Gebäude eingebunden. Im begrünten Innenhof stehen sogar einige Birken. Es fällt auf, dass die organische Architektur die lokalen Gegebenheiten fließend aufnimmt, da es nur wenige gerade Linien gibt. In der Halle und im Innenhof gibt es zahlreiche Sitzplätze, bei denen sich die Studierenden treffen um zu lernen oder einfach zum Lesen. Auch ein kleiner Kiosk ist hier, bei dem man sich einen gesunden Snack oder ein erfrischendes Getränk kaufen kann.

Von der Halle gehen in verschiedene Richtungen auf jedem Stockwerk Gänge ab. Die Wände wirken durch ihre Farbgebung freundlicher. Natürliche Materialien wie Holz wurden verbaut, wodurch eine gemütliche und heimische Atmosphäre entsteht.

Nun gelangen wir in einen der gemütlichen Seminarräume, die für kleinere Gruppen bis maximal 30 Personen ausgelegt sind. Auch hier ist mindestens eine Wand aus Glas, sodass wir auf die Bäume und Wiesen sehen können. Der Raum ist fast leer. In einer Ecke finden sich Trennwände, sowie Stühle auf Rollen und stapelbare Leichtbautische. Diese werden genutzt, um den Raum den Bedürfnissen der einzelnen Lerneinheiten anzupassen. Die Räume sind mit großen eleganten Bildschirmen ausgestattet, die frei beweglich sind und kabellos Inhalte von verschiedensten Endgeräten darstellen können. Ihr könnt euch gut vorstellen, wie hier Studierende Spaß am Lernen haben. Überall im Gebäude bemerkt ihr, beim Zurückgehen in die Halle, kleine Ecken mit Sitzgelegenheiten und Tischen. Diese sind teilweise entweder für eine Person oder kleinere Gruppen ausgelegt. Stromanschlüsse und WLAN gibt es natürlich überall im Gebäude und die Studien:innen sind – wenn sie keine eigenen Geräte besitzen – mit technischen Endgeräten ausgestattet.

Didaktik: Die Befreiung von reiner Wissensvermittlung hin zu einem aktiven Lernen

Eine große Veränderung, die wir uns wünschen, ist die Abschaffung von Vorlesungen im aktuellen Stil. Vorlesungen entstanden ursprünglich im Mittelalter aus der Not, dass nur jeweils eine Person Zugriff auf ein Buch hatte, welches den Studierenden vorgelesen wurde. Diese Praxis hat sich bis heute kaum geändert. Stattdessen wünschen wir uns eine neue Generation bundesweit vernetzter Lernmanagement Systeme, die intuitiv zu nutzen sind und mit dem alle Studierenden auf Videovorlesungen oder Erklärvideos Zugriff haben, die von führenden Professor:innen Deutschlands aufgenommen wurden. Auf diese Art und Weise kann eine geteilte und gut kuratierte Wissensgrundlage vermittelt werden, welche im Anschluss in den Seminaren z.B. in die Praxis umgesetzt wird. Darüber hinaus haben Studierende Zugriff auf die digitale Inhalte ALLER Studiengänge. Dies soll dazu führen, die irrtümliche Annahme zu korrigieren, dass die Aufgabe der Universität primär darin besteht Wissen zu vermitteln, da Wissen heutzutage online ohnehin jedem/ jeder, zu jeder Zeit und ubiquitär zugänglich ist. Die Lehre an den Universitäten sollte stattdessen in den Seminaren Wissen verorten, hinterfragen, reflektieren, anwenden sowie neues Wissen schaffen.

Die ’neue Universität‘ sollte sich in ihrem lehrenden Teil grundsätzlich als Dienstleister für die Studierenden verstehen. Dadurch wäre ihr Ziel Studierenden die bestmögliche Lehre anzubieten und ihnen bei ihrer Lebensplanung, z.B. der Kontinuität lebenslangen Lernens und bei der Vermeidung autobiographischer Brüche zu unterstützen. Dazu gehört beispielsweise mit Mut neue Dingen auszuprobieren, sowie neue wissenschaftliche Erkenntnisse, z.B. über die Art und Weise, wie das menschliche Gehirn lernt, auch für die Lehre umzusetzen. Diese neuen Erkenntnisse entstehen in vielen verschiedenen Disziplinen. Eine zentrale Einsicht ist etwa, dass bei intrinsischer Motivation in einem aktiven, selbst-verantworteten Lernen, Studierende deutlich effektiver und nachhaltiger lernen, als wenn Wissen passiv angeeignet wird. Professoren wie Lehrkräfte sollten regelmäßig in neuen pädagogischen Konzepten weitergebildet werden. Wichtig ist hierbei, dass ihnen die nötige Zeit zur Verfügung gestellt wird. Außerdem wären neue Abteilungen innerhalb von Universitäten wünschenswert, die sich fokussiert um die akademische Qualitätsentwicklung kümmern. Eine weitere Möglichkeit dies praktisch umzusetzen sehen wir sehen in der Umgestaltung der Lehre.

Studierende in Paris Mitte des 14. Jahrhunderts. Aus:  Edward Grant, Foundations of Modern Science in the Middle Ages (New York: Cambridge University Press, 1996)

Darüber hinaus birgt dies viele Möglichkeiten, die intrinsische Motivationen der Lernenden zu wecken und das neu aufgenommene Wissen in gemeinsamen Aufgaben zu vertiefen. Diese Veränderung sollte bei den Modulbeschreibungen beginnen. Aktuell bestehen Modulbeschreibungen häufig aus vorab konzipierten Listen, die lediglich dazu dienen umfangreiche akademische Kompetenzen zu beschreiben. Hingegen sollten Modulbeschreibungen unseres Ermessens als eine Art Kartei gebildet werden, die sich nach und nach für jede Studentin und jeden Studenten individuell, im Sinne eines personalisierten Lernens, ausschreibt.

Gelebter Theorie-Praxisbezug

Außerdem wäre es uns wichtig, dass die Student:innen in verbundenen theoretischen und praktischen Module gelehrt werden. Dafür sollen beispielsweise 40% als theoretische Basis dienen und die weiteren 60% der Module projektbasiert-angewandter Natur sein. Dies würde zu erhöhter Motivation bei den Studierenden führen und durch die Kombination mit verschiedenen Lehrmethoden würde dies zu einem besseren Lernerfolg führen. In den Basismodulen lernen die Studierenden in online Vorlesungen, mithilfe von angegebener Literatur und durch kleine Aufgaben. Daraufhin können sie sich in Absprache mit Dozenten:innen, einem Projekt für das gesamte Semester widmen. Ein solches Projekt könnte auch die Möglichkeit sein, eine Lehrperson in ihrer Forschungsarbeit praktisch zu unterstützen. Ausgewählte Projekte sollen sowohl praktischer Natur sein als auch auf theoretischen Basismodulen aufbauen. Die Durchführung aller Module kann und sollte – wenn möglich – kollaborativ in Kleingruppen stattfinden, damit die Lernenden sich untereinander austauschen und vernetzen können. Ziel ist es einen Stand zu erreichen, in dem aktuelle Forschung direkt in das Lehren, Lernen und Handeln einbezogen wird.

Damit das geschehen kann, wäre eine partizipative Feedbackkultur in der Lernkultur der Universität eine notwendige Voraussetzung. Das Leben der Menschen, ob im Bildungsbereich oder in der Wirtschaft, wird zunehmend durch eine Kultur der Digitalität bestimmt, die auf Feedbackschleifen beruht. Transparente Bewertungskriterien, regelmäßige Evaluationen und vor allem kritisch, konstruktive Reflexionen, sind ausschlaggebend in einer neuen Gestaltung von Lehre und Lernen.

Fazit

Zusammengefasst wird hoffentlich ersichtlich, dass die Universität, wie sie aktuell besteht, aus der Sicht von uns Studierenden einiges auch gut macht, aber es bleibt noch viel Luft nach oben. Dies ist wichtig, da die Welt sich weiterentwickelt, die durch ein New Work ebenso geprägt ist wie durch ein New Learning. Aufgrund dieser gesellschaftlichen Veränderungen müssen Universitäten sich weiterentwickeln um ihre zentrale Aufgabe, Studierenden beim Studium zu unterstützen, zeitgemäß gestalten zu können. Der Aspekt des lebenslangen Lernens wird zudem in der Universität der Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen. Es gibt viele Konzepte und Veränderungen, die wir hier nicht ansprechen konnten, weshalb es uns wichtig ist, deutlich zu machen, dass dies nur ein erster Einstieg in ein sehr komplexes Thema ist.

Photo Credit: Unsplash

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