Die Medienfaktur hat begonnen digitale Professionalisierungsprogramme in Kooperation mit Lehramt Studierenden zu entwickeln. English Version: Medienfaktur Digital Professionalisation (Part1)

1. Was steckt hinter der Idee eines Innovationslabors?

In der demokratischen Kritik John Deweys an Walter Lippmann’s Buch ‚Public Opinion‘ Anfang des 20. Jahrhunderts ging es im Kern darum, dass Demokratie von allen sozialen Akteuren gestaltet werden sollte, und nicht von selbsternannten Eliten, Expertenkulturen oder sogenannten ‚Think Tanks‘. Heute würden wir Filterblasen im Netz dazuzählen. Die Rationalität von Diskursen misst sich, so das demokratische Argument, in der Einbeziehung der Perspektiven aller. Nur in der fairen Konkurrenz der Argumente und Vielfalt von Ideen lassen sich nachhaltige soziale Lösungen entwickeln. Die Innovationslabore des MindLab in Dänemark und des Public Service Division (PSD) Innovation Lab in Singapur inspirierten die Medienfaktur einen solchen Grassroots-Ansatz zu verfolgen.

Photo: Bildungsreformer John Dewey (1859 –1952)

Die Argumente für eine demokratische Entwicklung öffentlicher Dienstleistungen sind offensichtlich. Eine ‚Top-down‘ Gestaltung übersieht leicht die speziellen Bedürfnisse und Eigenheiten all jener sozialen Gruppen, für welche Dienstleistungen angeboten werden sollen. Selbst gut organisierte Befragungen implizieren methodologisch stets die Perspektive der Befragenden und haben durch ihre stichprobenartige zeitliche und prozedurale Begrenzung (soziale Akteure werden zu neuen sozio-politischen Möglichkeiten interviewt und befragt, sind aber nicht Teil ihrer Entwicklung) nur eine begrenzte Aussagekraft.

Kollaborative Entwicklung mit allen sozialen Akteuren

Verkürzend lässt sich die Vorgehensweise eines Innovation Labs wie folgt umschreiben: Qualitativ informierend werden Gestaltungsprozesse dann, wenn Zielgruppen in Prototypen (vorausgehende Erprobungs- bzw. Testmodelle) neue Richtlinien und Dienstleistungen in einer kleineren Skalierung selbst erfahren können bevor es zu einer offiziellen Implementation kommt. In unserem Fall erhalten wir Einblicke zur Effektivität und Qualität von Professionalisierungsprogrammen durch das Feedback von Studierenden in situ, im Idealfall während des gesamten kooperativen Gestaltungsprozesses (‚Let’s co-create digital education!‘). Gute soziale Gestaltung beruht, da diese auf Feedback-Schleifen zurückgreift, auf dem Prinzip der Mitbestimmung.

Da wir uns in einem internationalen Bildungsraum bewegen und die digitale Professionalisierung Lehramt Studierender eine globale Herausforderung darstellt, haben wir uns entschlossen darüber hinaus führende internationale Partner als externe Berater einzuladen. Wir werden mehr zu diesem Thema in den kommenden Monaten berichten.

Soziale Teilhabe an Entwicklungsprojekten

Das zweite Argument für einen Grassroots-Ansatz ist das des ‚Ownership‘ bzw. Teilhabe. Erst in dem Moment, in dem Akteure zu ‚Stakeholdern‘, also aktiven Teilhaber*innen werden, interessieren und motivieren diese sich für neue Gestaltungsmöglichkeiten. Formale Partizipation ohne eine aktive Teilhabe oder ein Entscheidungsmandat wirken demotivierend und drängen Akteure in eine passive Rolle. Motivation entsteht sobald Akteure merken, dass ihre Teilnahme auch praktische Konsequenzen für ihr persönliches Leben hat. Eine indifferente Haltung ändert sich in den Moment, in dem persönliche Autonomie, Kompetenzen und Sozialbeziehungen von Zielgruppen in der Gestaltung öffentlicher Dienstleistungen zur Disposition stehen. Der Gestaltungsansatz der Medienfaktur besteht, aufbauend auf den Prämissen der kollaborativen Entwicklung und der sozialen Teilhabe, in der empathischen und verständigungsorientierten Verknüpfung der Perspektiven aller Akteur*innen.

Screenshot: Das Dashboard in CANVAS LMS zur Entwicklung der ersten Professionalisierungsmodule

2.Die Form digitaler Professionalisierung: Erste Ergebnisse und Einsichten aus den Diskussionen mit Studierenden

In den einleitenden Diskussionen zur Curriculums Entwicklung des Professionalisierungsprogrammes bestanden unsere zwei Studierenden-Expertengruppen aus Antje Leib, Dr. Roberta Nicosia, Nicolai Geiser, Alex Raupach und Paula Wegerich. Die Expertengruppen kamen unabhängig voneinander zu dem Ergebnis, dass die folgende Struktur für einen digitalen Professionalisierungskurs für Lehramt Studierende auf der Ebene des Bachelor-Studiums am besten geeignet ist:

2.1 Das Qualifizierungsmodul: Gleiche und faire Ausgangsbedingungen für alle

Das digitale Weiterbildungsprogramm sollte mit einem kurzen und intensiven Qualifizierungsmodul beginnen, das es allen Teilnehmern ermöglicht, den individuellen Ausgangsstand ihrer digitalen Kompetenzen zu ermitteln und gleiche Vorkenntnisse und Grundfertigkeiten als gemeinsamen und fairen Ausgangspunkt zu entwickeln. In diesem Qualifizierungsmodul soll es keine Noten geben, sondern nur ein ‘bestanden’ oder ‘nicht bestanden’.

Stichwortartig seien einige inhaltliche Ideen genannt: Einführung in die digitale Lernplattform und Blended Learning Praktiken aus Sicht der Studierenden , Bereitstellung eines gemeinsamen Glossars (gemeinsamer Begriffe zur Beschreibung zentraler Phänomene in der digitalen Bildung), Vermittlung grundlegender Computer-und Softwarekenntnisse, grundlegende Designskills (visuelle Kompetenz), Kenntnisse zur pädagogischen, sozialen und kognitiven Funktionsweise digitaler Medien sowie grundlegende Studierfähigkeiten (wie z.B. die Nutzung von Online-Bibliotheken und Zitiersoftware). Die Übungen sollten an der Berufspraxis orientiert sein und kritische Reflexion fördern.

Die spielerische Heranführung an Software und visuelle Kommunikation erfolgt konkret über das digitale Bildbearbeitungsprogramm Affinity Photo. Für das Erstellen von Lernvideos steht das Programm Camtasia Studio bereit, das gern für YouTube Videos verwendet wird. Für professionelle Produktionen im Deep Learning Modus wird das High-End Softwarepaket Da Vinci Resolve verwendet. Um langfristige finanzielle Bindungen zu vermeiden und um auf eine Vielzahl qualifizierter Anbieter zurückgreifen zu können entschied sich die Medienfaktur für lizenzfreie Software.

2.2 Freie Wahl der Professionalisierungsprogramme

Nach Abschluss des einführenden Qualifizierungsprogramms können die Studierenden zwischen drei Modulen frei wählen. Diese sind wie folgt:

  • Video-und Audioproduktion
  • Interaktive offene Bildungsressourcen (OER) sowie
  • Datenkompetenz und Datenvisualisierung

Diese drei Bereiche repräsentieren zusammenhängende und typische Bereiche technischer Expertise. Da das zentrale Ziel des Professionalisierungsprogramms auf die strategische Nutzung digitaler Medien ausgerichtet ist, erscheint ein solcher Ansatz zielführend. Wahlfreiheit bedeutet: sobald ein ausreichend großes Angebot an Professionalisierungsmodulen bereitsteht, können Studierende schwerpunktmäßig personalisierte Kompetenzprofile entwickeln.

Screenshots: Für die Professionalisierungsprogramme kommt lizenzfreie Software zum Einsatz: Da Vinci Resolve, Camtasia und Affinity Photo.

2.3 Adaptive Lernpfade (Personalisiertes Lernen)

Konsens bestand darin, dass die Module für alle Studierende mit verschiedenen Kompetenzebenen, seien es Neueinsteiger, Anfänger, oder ‚Integratoren‘ (entsprechend der Differenzierung im EU-Rahmenwerk “Digitale Kompetenz von Pädagogen”/DigCompEdu) geeignet sein sollten.

Studierende haben ein Recht mit gleichem Vorwissen in die Wahlmodule zu gehen. Um auf Teilnehmer*innen mit unterschiedlichem Leistungsniveau einzugehen, sollte eine Professionalisierung im Rahmen adaptiver Lernpfade erfolgen. Hierbei nehmen die Lernpfade Rücksicht auf die individuellen Unterschiede in den Interessen, der Lernstile, dem Zeitmanagement und Unterstützungsbedarf von Studierenden.

Photo: Medienfaktur Team beim CANVAS Training, August 2019

2.4 Authentizität des Lernens

Die Anwendung digitaler Medien sollte auf authentischen Fällen aus dem Schulalltag beruhen, die beispielsweise in Vignetten dargestellt werden können. Der Lernmodus sollte Rückkopplungsschleifen für die Studierenden bieten, um sie über ihre Fortschritte beim Erwerb digitaler Kompetenzen zu informieren. Dies schließt den Einsatz innovativer Learning Analytics ebenso ein wie den Aufbau integrierter Online-und Face-to-Face Lerngemeinschaften. Um authentisches Lernen zu gewährleisten bedarf es der Einbeziehung externer Partner wie Schulen oder die erfolgreiche ‘Kreidestaub’-Initiative der Uni Oldenburg.

2.5 Eigenverantwortung für das Lernen

Von großer Bedeutung ist eine wertschätzende, lernerzentrierte und teambasierte Lernumgebung, welche die Eigenverantwortung der Studierenden für ihr Lernen fördert. Bei der großen Zahl Studierender wird individuelle Wertschätzung derzeit oft vernachlässigt, und damit eine große Chance zur Motivation und Identifikation mit der Lerngemeinschaft vertan.

2.6 Interne Qualitätsprotokolle und service-orientierter Modus Operandi

Das Programm sollte durch interne Qualitätsprotokolle unterstützt werden. Es ist entscheidend für den Erfolg der Module, dass die Programme als eine qualitativ hochwertige öffentliche Dienstleistung wahrgenommen werden.

2.7 Digitale Tokens, Zertifikate und digitaler Pass

Anstelle der üblichen Kreditpunkte (KPs) der Universität könnten auch Zertifikate, Badges oder digitale Tokens Anreize bieten, verbunden mit der Möglichkeit der Akkumulation im Austausch für Leistungen, wie beispielsweise freie Software Start-Up Kits für besonders motivierte Studierende, die ihre eigenen Bildungsprojekte verfolgen. Ein digitaler Pass könnte an Studierende vergeben werden, die über die Professionalisierungsprogramme hinaus erfolgreich reale Schulprojekte beraten haben. Der Sinn digitaler Leistungsnachweise ist es, neben KPs das Bewusstsein für den autonomen Kompetenzerwerb (unabhängig von einer offiziellen Notenvergabe) zu fördern und Verschulungstendenzen entgegenzuwirken. Ergänzend zu den formalen ECTS Punkten (KPs) wird insoweit eine informale Bildungswährung eingeführt, die einen wichtigen Bestandteil des Medienfaktur Lern-Ökosystems darstellt.

Das System von ‘digital tokens’ und ‘badges’ hat sich nicht nur an zahlreichen führenden Hochschulen (University of California, Toronto, Berkeley, Harvard, MIT, Uni München, Uni Potsdam) bewährt, sondern wird mittlerweile auch standardisiert in Blockchain Technologien integriert.

2.8 Deep Learning Optionen

Die Module sollen so genannte Deep Learning Module anbieten, die optional sind und nach Abschluss der regulären Module absolviert werden können. Die Deep-Learning-Module bilden Studierende auf einem professionellen Niveau aus und bereiten sie auf ein ‘digital leadership’ vor. Dies bedeutet, sie können nicht nur OER auf einem professionellen Niveau produzieren, sondern auch andere Lehramt Studierende motivieren und ausbilden.

Illustration: Früher Entwurf einer ‘Lernlandschaft’ (2018) der Autorin. Ähnlich wie in einem hochkomplexen VR (Virtual Reality) Raum sollen Lernende ihre Interessen und Kompetenzen autonom erforschen und entwickeln können: Lernen wird, in der Tradition konstruktivistischer Pädagogik, als der kreative Umgang mit simulierten gegenwärtigen und zukünftigen Problemen und Herausforderungen verstanden. Oben (grau) die Lernpfade, unten die Unterstützungsoptionen für Lernprozesse.

Nächste Schritte

Sobald grundlegende Inhalte, Lehr-und Lehrmethoden, Unterstützungssysteme und Zeitpläne definiert sind werden Prototypen im CANVAS Learning Management System (LMS) erstellt. Die Prototypen für das Qualifizierungsmodul sowie das Videomodul sollen bis zum Wintersemester 19/20 fertiggestellt werden.

Wir hoffen die sehr hohen Erwartungen an die neuen Professionalisierungsprogramme erfüllen zu können. Digitaler Wandel ist sozialer Wandel. In diesem Wandel gibt es kein ‘one size fits all‘ Modell, sondern eine große Vielzahl möglicher Bildungskonzepte. Unser Auftrag ist aufzuzeigen, was mit State-of-the-Art Technologie und besten Praktiken in der Lehre heute schon möglich ist.

Symbolbild: Der spielerische und kreative Umgang mit Technologie ist eine unabdingbare Voraussetzung für nachhaltiges multimediales Lernen. Photo: Autorin

Credits

Gefördert wird unser Leuchtturmprojekt aus Mitteln von OLE+ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) an der Universität Oldenburg im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung.

Autorin und Moderatorin der Studierendengruppen: Joana Stella Kompa 15.08.2019